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Eine überraschende Wirkung von Alkohol!

Eine überraschende Wirkung von Alkohol!

Anna Major Feb 9, 2018 0 538

Quelle: pixabay.com

Eigentlich ist sich jeder darüber einig, dass zu viel Alkohol den Körper nachteilige Konsequenzen verspüren lässt. Oder anders gesagt: je mehr Alkohol, desto schlechter und desto höher die Gefahr für Schäden und Vergiftungen. Interessante wird es aber bei der Frage, ob Alkohol grundsätzlich Gift für den Körper ist oder in geringen Mengen sogar förderlich oder bestimmten Krankheiten vorbeugen kann. Dieser Frage bin ich vor knapp einem Jahr in meinem ersten Artikel über Alkohol nachgegangen, siehe hier.

Eine sonderbare Eigenschaft des Alkohols, die schon länger bekannt ist (mindestens seit den Achtzigern[1]), aber diesen Sommer in der Fachzeitschrift Scientific Reports erneut in einem anderen Kontext veröffentlicht wurde, versetzt uns möglicherweise heute ins Staunen [2].

Kann Alkohol das Gedächtnis fördern?

Alkohol ist dafür bekannt zu Blackouts zu führen, was also das komplette Gegenteil dieser Aussage ist und was der ein oder andere bei einem zu tiefen Blick ins Glas vielleicht schon am eigenen Leib erfahren durfte: am Morgen nach der Party fehlen die Erinnerungen.

Doch tatsächlich gibt es einen Mechanismus in unserem Gehirn, der unter bestimmten Bedingungen das Erinnerungsvermögen steigen lässt: wenn wir vor dem Alkoholgenuss Vokabeln gelernt haben.

Und das sonderbarste daran ist, dass die Erinnerung an das Gelernte sich mehr festigt, je mehr Alkohol anschließend getrunken wurde. Kurios!

 

Die Studienversuche im Detail

Die Teilnehmer der Studie waren 88 gesunde Gelegenheitstrinker zwischen 18 und 53 Jahren und wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: eine Gruppe sollte nüchtern bleiben, die andere sollte ad libitum Alkohol trinken. Der Test wurde bei den Teilnehmern Zuhause durchgeführt, also in einer naturalistischen Umgebung, was in dieser Form vorher noch nicht im Zusammenhang mit einer Studie umgesetzt wurde.

Die Probanden bekamen zwei Aufgaben. Zum einen sollten sie sich direkt vor dem Alkoholgenuss erfundene Wörter einprägen und noch vor dem ersten Tropfen in einem Vokabeltest wiedergeben. Der zweite Vokabeltest fand am darauf folgenden Morgen statt (ca. 16 Stunden nach dem ersten Lernen).

Während des Trinkens und danach am nächsten Morgen gab es eine zweite Aufgabe zu bewältigen. In dieser ging es darum, sich Objekte auf Bildern zu merken und diese zu kategorisieren, ein Bilderrätsel also im Kontrast zu den eher abstrakten Wörtern.

Am nächsten Morgen schnitten die Probanden der Alkohol-Gruppe beim Vokabeltest besser ab – die Nüchtern-Gruppe beim Bilderrätsel schlechter

Der erste Vokabeltest fiel in beiden Gruppen gleich aus, was wenig verwunderlich ist. Das spektakuläre Ergebnis liefert jedoch der Vokabeltest am nächsten Morgen: Die Probanden in der Alkohol-Gruppe schnitten beim zweiten Test deutlich besser ab als bei ihrem ersten Test. Bei den Probanden der Nüchtern-Gruppe gab es keine merklichen Unterschiede zwischen den zwei Vokabeltests.

Hinzu kommt noch, dass die nüchtern gebliebenen Probanden bei der zweiten Gedächtnisaufgabe am folgenden Morgen schlechter abschnitten als am Abend zuvor. Bei der Alkohol-Gruppe gab es keine signifikanten Unterschiede.

Der Hammer ist, dass die Probanden der Alkohol-Gruppe signifikant besser bei dem zweiten Vokabeltest abschnitten, je mehr Alkohol sie am Vorabend konsumiert hatten, was man an der Grafik unten aus der Studie erkennen kann.

Quelle: Carlyle et al. 2017

Dargestellt ist der prozentuale Anteil der korrekten Antworten über die Einheiten des konsumierten Alkohols. Eine Einheit entspricht 10ml bzw. 8g reinen Alkohol (gelöst im Getränk).

Im Mittel steigt die Leistung beim Vokabeltest mit der konsumierten Menge an alkoholischen Getränken am Vorabend. Durchschnittlich tranken die Probanden 53,38g Alkohol, das entspricht z.B. etwa 500ml Wein oder rund 1600ml Bier [3].

Zugegeben, bei nur 88 Probanden mag man denken, dass in diese Grafik doch sehr viel hinein interpretiert wurde, da die Streuung der Datenpunkte ziemlich groß ist. Die aus den Einzelpunkten gemittelte Kurve ist jedoch eindeutig und man kann davon ausgehen, dass die Datenpunkte sich umso mehr dem Mittelwert anschmiegen, je mehr Probanden an einer solchen Studie teilnehmen würden – reine Statistik also.

Wie anfangs erwähnt, wurde ein solcher Mechanismus schon in einer ähnlichen Studie 1984 beobachtet. Dort sollten die Probanden sich vor dem Alkoholgenuss eine Wörterfolge einprägen und nach zwei Stunden wiedergeben. Dies funktionierte besser als bei einer Placebogruppe[4].

1990 wurde diese Beobachtung anhand eines prosaischen Textes überprüft. Die Probanden lernten einen Text, den sie am Folgetag möglichst genau wiedergeben sollten. Auch das funktionierte bei der Alkohol-Gruppe besser als bei einer Kontrollgruppe[5].

 

Warum ist das so?

Von den Wissenschaftlern wird vermutet, dass Alkohol die Aufnahme von neuen Informationen blockiert. Infolgedessen könne sich das vorher gelernte im Langzeitgedächtnis festigen.

Daher steht dieses Forschungsergebnis nicht einmal im Widerspruch zu den bekannten Blackouts nach rauschenden Partys – man kann sich ja nur dann an nichts mehr erinnern, was nach dem Alkoholkonsum passiert ist.

Diese Interpretation erklärt auch, warum die Probanden in der Alkohol-Gruppe bei dem Bilderrätsel in beiden Testphasen gleich gut abschnitten – oder sollte ich besser sagen: gleich schlecht?

Interessant ist jedoch, dass die Probanden der Nüchtern-Gruppe bei dem Bilderrätsel in der zweiten Testphase schlechter abschnitten als in der ersten Testphase. Dies ist schwieriger zu deuten. Einerseits könnte es etwas mit der Art der Information zu tun haben (Bilder statt Wörter), andererseits könnte es auch am Testdesign liegen, wie die Wissenschaftler einräumten. Die Probanden fühlten sich beim zweiten Versuch vielleicht unterbewusst nicht mehr so gefordert, weil sie das Bilderrätsel ja schon einmal erfolgreich abgeschlossen hatten.

 

Hat das auch etwas mit dem Schlaf zu tun?

Es ist ja weitgehend bekannt, dass sich neu Gelerntes im Schlaf festigt. Die Wissenschaftler vermuten, dass der Alkohol im Schlaf zusätzlich eine Wirkung auf das Gehirn hat, weshalb es interessant wäre, so einen Test mit Probanden durchzuführen, die zwischen den Testphasen schlafen dürfen oder nicht.

 

„Trunken geschwatzt, nüchtern vergessen.“

Dass Alkohol Vokabellernen fördern kann, ist ein, wie ich finde, überraschendes Phänomen. Es sollte jedoch kein Freifahrtschein zu ständigem alkoholischem Genuss sein. Schließlich handelte es sich bei den Probanden in der Studie um Gelegenheitstrinker. Wer weiß, welche Ergebnisse sich bei Alkoholikern oder nicht gesunden Probanden gezeigt hätten?

Außerdem sollte man auch im Blick behalten, dass den wenigen positiv zu wertenden Effekten von Alkoholgenuss immer noch extrem viele negative Effekte gegenüberstehen. Die Waage ist also immer noch unausgeglichen.

Mein Fazit der 2 Blog-Artikel über Alkohol: Wir müssen Alkohol vermutlich nicht gänzlich meiden, aber ebenso bemüht sein, ein gesundes Maß zu halten. Gerne zitiere ich an dieser Stelle Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift“.

Jedenfalls können wir festhalten: Alkohol lockert die Zunge, auch bei Fremdsprachen. 🙂

 

Quellen:

[1] Parker, E. S. et al.: The alcohol facilitation effect on memory: a dose-response study. Psychopharmacology. Vol. 74, p. 88–92 (1981)

[2] Carlyle M. et al.: Improved memory for information learnt before alcohol use in social drinkers tested in a naturalistic setting.

Scientific Reports, Vol. 7, No. 6213 (2017)

[3] https://www.drinkaware.co.uk/alcohol-facts/alcoholic-drinks-units/what-is-an-alcohol-unit/

[4] Mann R. E., Cho-Young J., Vogel-Sprott M.: Retrograde enhancement by alcohol of delayed free recall performance

Phramacology Biochemistry and Behavior, Vol. 20, No. 4, p. 639-642 (1984)

[5] Lamberty G. J., Beckwith B. E., Petros T. V., Ross A. R.: Posttrial treatment with ethanol enhances recall of prose narratives

Physiology & Behavior, Vol. 48, No. 5, p. 653-658 (1

Anna Major

Anna Major

Anna Major, geb. 25.11.1988, studierte an der Georg-August-Universität in Göttingen Physik und schloss dieses 2015 mit dem Master of Science ab. An der Carrots & Coffee Akademie erlang sie die Zertifikate Ganzheitliche Ernährungstrainerin (2015) sowie Ganzheitliche Ernährungstherapeutin (2016) unter der Leitung von Nadia Beyer.

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