• +44 40 8873432
  • info@maniva.com

Soja – gesund oder nicht?

Soja – gesund oder nicht?

Anna Major Jun 30, 2017 0 372

Soja: Eine der weltweit bedeutendsten Nutzpflanzen findet Verwendung als Viehfutter, Biodiesel, Anstrichfarbe, Spachtelmasse sowie Druckfarbe. Auch als Lebensmittel ist Soja in unterschiedlichsten Formen, wie Sojasauce, Miso, Tofu oder Sojamilch etc. vorzufinden. Wirtschaftlich hat die kleine Bohne eine enorme Bedeutung, weshalb sie ausgiebig erforscht wird. So ist sie unter den Hülsenfrüchtlern die erste gewesen, deren Genom vollständig sequenziert und auch mittels Gentechnik manipuliert wurde [7].

Auf Themenbereiche wie Gentechnik, Folgen von Monokultur, Phytatgehalte in unfermentierten Produkten und viele weitere Aspekte kann ich in einem kleinen Blogbeitrag nicht eingehen. Ich widme ich mich hier der kleinen Bohne ausschließlich für die Verwendung als Lebensmittel. Welche gesundheitlichen Vor- und Nachteile kann ein regelmäßiger Verzehr bieten? Und welche Rolle spielt die Auswahl an unterschiedlichen Sojaprodukten, ob jahrelang fermentiert (z.B. Sojasauce) oder anders verarbeitet (Proteinpulver etc.)? Damit wir eine Vorstellung von der Vielfalt an Sojaprodukten bekommen und den Überblick behalten, stelle ich zunächst eine tabellarische Übersicht zu den gebräuchlichsten Formen von Soja-Lebensmitteln vor.

Soja enthält viel hochwertiges pflanzliches Eiweiß, aber können wir es auch verwerten?

Eine Bereicherung in unserem Speiseplan kann Soja besonders als Eiweißlieferant darstellen, da die biologische Wertigkeit und Menge sehr hoch ist. Die biologische Wertigkeit dient als Einschätzung, welche Qualität die Eiweißzusammensetzung eines Lebensmittels für unseren Körper darstellt. Ist der Wert hoch, so kann viel der enthaltenen Proteine in körpereigenes Eiweiß umgewandelt werden. Als Referenz dient das Vollei mit einem Wert von 100. Rindfleisch hat beispielsweise einen Wert von 87 und die Sojabohne liegt nicht weit dahinter mit einem Wert von 84 [1]. Hinzu kommt, dass Soja nicht nur hochwertiges Eiweiß liefert, sondern gleichzeitig sehr viel davon: ca. 34 Gramm pro 100 Gramm reifer, getrockneter Bohne [6]. Das ist für eine Pflanze herausragend und macht sie deshalb insbesondere für Vegetarier und Veganer sehr attraktiv.

Betonen möchte ich in diesem Zusammenhang aber auch, dass sich die biologische Wertigkeit von Eiweiß beträchtlich steigern lässt, wenn bestimmte eiweißhaltige Lebensmittel miteinander kombiniert werden. Zum Beispiel liefern Bohnen und Mais in der Relation 52% zu 48%, also zu fast gleichen Anteilen, zusammen einen Wert von 99, obwohl Bohnen und Mais für sich alleine nur einen Wert von 72 haben [8,9]. Im Optimalfall werden beide Lebensmittel in einer Mahlzeit gemeinsam verzehrt, aber auch ein getrennter Verzehr über zwei aufeinander folgende Mahlzeiten verbessert die körpereigene Eiweißproduktion.

Das ist jedoch alles nur Theorie, da sich ganze Sojabohnen selten in unserer Ernährung wiederfinden. Die Sojabohne an sich ist nämlich schwer verdaulich, bedingt durch den hohen Gehalt an den Mehrfachzuckern Raffinose und Stachyose und anderen Ballaststoffen. Diese Bestandteile landen unverdaut in unserem Dickdarm, wo sich unsere Bakterien um alles Weitere kümmern, was allerdings zu Blähungen führen kann. Wenn die Proteine durch die vielen Ballaststoffe auch noch an diese gebunden unverdaut im Dickdarm ankommen, kann es sogar zu Fäulnis kommen, die sehr streng riechen und neben dem Darm, den ganzen Körper belasten kann. Eine sehr gute Verdauungskraft ist daher nötig, um die Bohnen als Ganzes verdauen zu können.

Traditionell wird die Sojabohne durch ihre schwere Verdaulichkeit verarbeitet verzehrt, sei es als Tofu, Miso, Tempeh, Sojasauce oder Natto. Die Bekömmlichkeit dieser Produkte steigt im Vergleich zu gering verarbeiteten Sojabohnen, und der Eiweißgehalt ist trotzdem noch hoch (bei festem Tofu z.B. rund 15 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm, das entspricht in etwa dem Eiweißgehalt in Magerquark).

Nebst der Eigenschaft eine gute Eiweißquelle zu sein, steht in der Diskussion, ob Soja noch mehr gesundheitliche Vorteile durch sekundäre Pflanzenstoffe bieten kann. Im Folgenden möchte ich die am meisten diskutierten Aspekte beleuchten.

 

Isoflavone helfen manchen Frauen gegen Wechseljahresbeschwerden

Viele Produkte werden damit beworben, dass sie Isoflavone enthalten, die gegen Beschwerden in den Wechseljahren helfen sollen. Da Soja einen hohen Gehalt an Isoflavonen aufweisen kann, kursieren in der Gesundheitsbranche häufig an Frauen gerichtete Empfehlungen, in den Wechseljahren auf eine sojareiche Ernährung zu setzen. Auch Brustkrebs sollen die Isoflavone vorbeugen können (dazu unten mehr).

Das Isoflavon, das gegen jene Beschwerden helfen kann, heißt Daidzein. Es ist jedoch nur wirksam, wenn es von bestimmten Darmbakterien zu einem anderen Stoff, dem Equol, umgewandelt wird. Das bedeutet, nur Frauen, deren Darmflora mit den richtigen Bakterien besiedelt ist, können von Isoflavonen gegen menopausale Beschwerden profitieren. In Deutschland sind geschätzt 30-50% der Bevölkerung in der Lage dieses Equol zu bilden – also nur 15-25% aller Frauen [4]. In Japan, China und Korea können rund 50-60% der Erwachsenen Equol bilden [5], weshalb die asiatische Bevölkerung insgesamt wohl mehr von Soja in dieser Hinsicht profitiert.

Für die Aufnahme der Isoflavone ist des Weiteren nicht unwesentlich, in welchem chemischen Gewand sie in den Darm gelangen. Die Isoflavone können als sogenannte Glycoside oder Aglycoside auftreten. Letztere kommen insbesondere in fermentierten Lebensmitteln vor. Diese Aglycoside können schneller und in größeren Mengen als Glycoside vom menschlichen Körper aufgenommen werden. Dies zeigte eine Studie an 11 japanischen Frauen [10]. Allerdings wurden in beiden Gruppen die gleichen Equolmengen im Blut bzw. Urin der Frauen festgestellt. Unbeantwortet bleibt also die Frage, ob der Körper mit den mehr aufgenommenen Isoflavonen aus fermentierten Sojaprodukten auch etwas anzufangen weiß.

 

Soja kann vor Brust-, Prostata- und Gebärmutterschleimhautkrebs schützen

In dem Lehrbuch Ernährung in Prävention und Therapie von Claus Leitzmann (Auflage von 2003) steht geschrieben, dass Soja präventiv gegen Brust-, Prostata- und Gebärmutterschleimhautkrebs wirkt, allerdings vermutlich nur, wenn Soja (bzw. isoflavonreiche Nahrung) bereits im Kindes- und Jugendalter in relevanten Mengen verzehrt wird [4]. Bestätigung liefert eine Ernährungswissenschaftlerin der Georgetown University, Leena Hilakivi-Clarke, die 2010 einen Übersichtsartikel bzgl. Brustkrebs und Sojakonsum veröffentlicht hat. Sie vermutet aufgrund bereits bekannter Mechanismen im Körper, dass epigenetische1 Prozesse in der Pubertät vor Brustkrebs schützen können [11]. Andernfalls können die Isoflavone nicht ihre erhoffte Wirkung voll entfalten.

Außerdem seien Rezidive, also das Wiederauftreten der Krankheit, weniger wahrscheinlich, wenn nach der Krebstherapie weiterhin Sojaprodukte verzehrt würden. Diese beiden Beobachtungen konnte Hilakivi-Clarke jedoch nur bei in Asien lebenden Frauen ausführlich beobachten, da dort Soja in der traditionellen Küche, anders als in westlichen Ländern, fast täglich auf dem Speiseplan steht.

Bei in westlichen Nationen lebenden Frauen wird hingegen von einem Sojakonsum während und nach einer Brustkrebstherapie abgeraten, weil dort mit dem Verzehr von Soja üblicherweise erst im Erwachsenenalter begonnen wird.

Einerseits kann Soja also vor Krebs schützen, andererseits wird beim Ausbruch von Krebserkrankungen von Sojaverzehr abgeraten. Neuere Forschungen geben folgende Hinweise…

1 Epigenetik: Molekulare Mechanismen führen dazu, dass Gene aktiviert oder deaktiviert werden können und damit zu Änderungen der Genfunktion führen. Die Geninformation selbst wird dabei nicht beeinflusst, es gibt also keine Mutationen. Dennoch können die geänderten Funktionen an Folgegenerationen einer Zelle weitergegeben werden.

 

Bestimmte bereits an Brustkrebs erkrankte Frauen können von Isoflvonen profitieren

Im März 2017 wurden die Ergebnisse einer amerikanischen Studie veröffentlicht, in der 6235 an Brustkrebs erkrankte Frauen (unterschiedlicher Ethnien) über ca. 9 Jahre beobachtet wurden. Es zeigte sich, dass bestimmte Frauen von einer isoflavonreichen Ernährung (durchschnittlich mehr als 1,5 mg Isoflavone pro Tag) profitierten und länger lebten im Vergleich zu Frauen, die wenig isoflavonreiche Lebensmittel verzehrten (weniger als 0,3 mg Isoflavone täglich) [2]. Die positiven Effekte zeigten sich bei Frauen, deren Tumore keine Hormonrezeptoren hatten und bei jenen Frauen, die nicht mit Hormonen therapiert wurden (bzw. werden mussten). Im Gegenteil kann das Wachstum von hormonassoziierten Tumoren durch eine soja- bzw. isoflavonreiche Ernährung verstärkt werden [3].

 

Isoflavone senken LDL-Cholesterin

Obwohl Soja stark in Bezug auf menopausale Beschwerden und insbesondere Brustkrebs diskutiert wird, kann die Pflanze teils positive und teils negative Einflüsse auf diese Erkrankung haben. Weit weniger häufig findet man die Erwähnung von Soja in Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, obwohl es dazu eindeutigere Belege gibt.

Zu viel an dem „bösen“ LDL-Cholesterin lässt sich wunderbar in den Griff bekommen, wenn Soja regelmäßig verzehrt wird bzw. die Ernährung reich an Isoflavonen ist [3]. Insbesondere das Sojaprotein ist in der Lage, das LDL- und Gesamtcholesterin sowie die Triglyceride im Blut zu senken [13].

Außerdem vermögen die Isoflavone und bestimmte Peptide (kleine Eiweißstrukturen) in der Sojabohne den Blutdruck zu senken. Allerdings wird der Blutdruck nicht pauschal gesenkt, sondern nur bei denen, die es nötig haben: bei Personen mit zu hohem Blutdruck. Bei Personen mit normalem Blutdruck zeigen sich keine beeinflussenden Effekte [14].

 

Die Wirkung von Soja auf die Gedächtnisleistung ist unklar

 Trotz der positiven Eigenschaften, die ein regelmäßiger Sojakonsum mit sich bringen kann, sollte man die Pflanze nicht zum Grundnahrungsmittel machen und in rauen Mengen verzehren. Durch einen zu hohen Konsum können nämlich negative Einflüsse zum Tragen kommen, wie zum Beispiel eine schwächere Gedächtnisleistung. So haben Forscher untersucht, wie sich die Ernährung älterer Frauen auf Hawaii gestaltet, die japanische Wurzeln hatten. Die Frauen, die auf eine sojareiche Ernährung setzten, hatten öfter Gedächtnisschwierigkeiten als solche Frauen, deren Ernährung mehr auf einen westlichen Stil ohne Soja ausgerichtet war [15]. Eine andere länger angelegte Studie bestätigte diese Ergebnisse [16].

Jedoch ist sich die Wissenschaft in der Hinsicht noch nicht einig. Noch eine andere Studie zeigte nämlich, dass Soja sogar positive Eigenschaften auf die Denkleistung haben kann, insbesondere auf das sprachliche Erinnerungsvermögen [17]. Und wieder andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass es keine Zusammenhänge zwischen kognitiven Fähigkeiten und Sojakonsum gebe [18,19].

Beeinträchtigt Soja die Schilddrüsenfunktion und müssen Schilddrüsenpatienten auf Soja verzichten?

 Weiterhin kursieren Warnungen, dass Soja negative Einflüsse auf die Schilddrüse mit sich bringen kann. Dies können besorgniserregende Nachrichten sein, zumal eine gewisse Angst vor Schilddrüsenfunktionsstörungen in unserer Gesellschaft herrscht und die Zahl der Erkrankten zunimmt. Welche Ergebnisse liefert die Wissenschaft zu diesem Thema?

Im März 2006 erschien in der Zeitschrift „Thyroid“ (engl. Schilddrüse) ein Übersichtsartikel zu den Effekten von Sojaprotein und Soja-Isoflavonen auf die Schilddrüse von gesunden Erwachsenen und Patienten mit Schilddrüsenunterfunktionen [25]. Die beiden Autoren des Artikels Mark Messina und Geoffrey Redmond kommen zu dem Schluss, dass Soja und dessen Isoflavone bei Gesunden die Schilddrüse nicht beeinträchtigen. Bei Schilddrüsenpatienten kann Sojakonsum dazu führen, dass eine Medikation mit Schilddrüsenhormonen höher dosiert werden muss. Des Weiteren sollten sowohl Gesunde als auch Patienten immer auf eine ausreichende Jodversorgung achten. Hier sei von meiner Seite aus das Dream-Team Soja plus Meeresalgen, wie Nori oder Wakame, empfohlen.

Die Ergebnisse einer neueren Studie von 2011 sehen jedoch nicht ganz so harmlos aus [26]. Die Wissenschaftler aus Großbritannien haben festgestellt, dass Menschen, die bereits eine milde subklinische Form einer Schilddrüsenunterfunktion aufweisen, ein dreifach Erhöhtes Risiko haben, dass die Krankheit ausbricht, wenn sie regelmäßig 30 g Sojaprotein verzehren, das mit 16 mg Isoflavonen angereichert war. Bei einer anderen Gruppe, deren Sojaprotein nur mit 2 mg Isoflavonen angereichert war, zeigten sich keine negativen Effekte auf die Schilddrüse.

Daraus kann man schließen, dass Menschen mit einer empfindlichen Schilddrüse ganz besonders darauf achten sollten, den Sojakonsum nicht zu übertreiben und keine zusätzlichen Nahrungsergänzungsmittel aus Soja-Extrakten oder anderen Isoflavonen zu konsumieren.

 

Sind nur fermentierte Sojaprodukte gesund, wie z.B. Sojasauce, Miso, Natto?

Leena Hilakivi-Clarke (siehe Abschnitt zu Krebs weiter oben) hat in ihrem Artikel zu Brustkrebs hervorgehoben, dass in verschiedenen Studien unterschiedliche Sojaprodukte bzw. meist Sojaextrakte verabreicht werden. Schaut man sich jedoch traditionelle Ernährungsformen an, so stehen im Grunde nur vollwertige Sojaprodukte in mehr oder weniger stark verarbeiteter Form (kochen bzw. fermentieren) auf dem Tisch. In Asien finden z.B. fast ausschließlich Produkte wie Miso oder Tofu Verwendung. In westlichen Ländern hingegen stehen vor allem industrielle Produkte wie Sojaöl, texturiertes Sojaprotein bzw. Sojaproteinkonzentrate oder -isolate auf dem Speiseplan, wie z.B. in Margarine, vegetarischen Würstchen, Eiweiß-/Fitnessdrinks und Riegeln sowie veganen Steaks.

Jede Verarbeitung hat einen Einfluss auf den Gehalt an z.B. Ballaststoffen, Saponinen, Isoflavonen und vielen anderen Bestandteilen der Pflanze, weshalb die Wirkung in unserem Körper sehr unterschiedlich sein kann, obwohl es ursprünglich die gleiche Pflanze gewesen ist [11]. „Es ist wichtig, die potenziellen Wechselwirkungen zwischen Phytoöstrogenen und anderen bioaktiven Komponenten in der Lebensmittelmatrix zu berücksichtigen, die entweder ihre endgültige Wirkung auf die Gesundheit verstärken oder reduzieren könnten“, schreibt Hilakivi-Clarke.

Schauen wir uns dazu noch einmal den Gehalt an den Isoflavonen Genistein und Daidzein in verschiedenen Sojaprodukten an. In der Tabelle unten ist der Gehalt der Isoflavone in den Lebensmitteln pro übliche Portionsgröße zusammengefasst (erstellt nach einer Tabelle im Lehrbuch Ernährung in Prävention und Therapie von Claus Leitzmann [4]).

Wir sehen, dass sich die ganze unverarbeitete Sojabohne bzgl. ihres Isoflavongehalts an erster Stelle befindet, direkt gefolgt von Tofu und Sojawürstchen. Viel weniger Isoflavone liefern hingegen die fermentierten Sojaprodukte wie Miso, Tempeh und Sojasauce.

Dahingehend können wir also durchaus zusammenfassen, dass fermentierte Sojaprodukte vermutlich milder auf den Körper wirken als Tofu und Co., einfach aus dem Grund, weil zu hohe Mengen an Isoflavonen bei normalen Verzehrmengen der fermentierten Produkte nicht so schnell erreicht werden können. Mit Tofu-Schnitzeln hingegen kann bei großem Appetit jedoch schnell ein Übermaß erreicht werden. Darüber hinaus liefern fermentierte Lebensmittel zusätzlich noch viele andere Substanzen, die unfermentierte Produkte nicht enthalten, wie zum Beispiel Vitamin K2 (siehe dazu Vitamin K2 – „Neuer“ Superstar gegen Gefäßverkalkung, Osteoporose & Krebs).

 

Ist Soja-Säuglingsmilch wirklich ungefährlich?

 Die Isoflavone der Sojabohne können teilweise eine ähnliche Wirkung wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen entfalten. Deshalb nennt man sie auch Phytoöstrogene, also pflanzliche Östrogene. Da Soja verhältnismäßig viele Isoflavone liefert, gibt es berechtigte Bedenken, sie könnten starken Einfluss auf das Wachstum oder die Gesundheit von Säuglingen haben, da der kleine, sich noch entwickelnde Körper sehr empfindlich auf verschiedenste Substanzen reagieren kann.

Ein großer Teil von Wissenschaftlern vertritt die Ansicht, dass Soja-Säuglingsmilch bedenkenlos gefüttert werden kann. Soja stelle eine sichere Alternative zu Muttermilch und Säuglingsnahrung aus Kuhmilch dar, falls diese aus diversen Gründen, sei es einer seltenen angeborenen Laktoseintoleranz oder einer Kuhmilchallergie, nicht gefüttert werden können [21,22]. Sie weisen jedoch darauf hin, dass Soja-Säuglingsmilch nur eine Alternative bleibt und Muttermilch bevorzugt werden soll.

Auf der anderen Seite gibt es viele kritische Stimmen, die davor warnen, Soja an Säuglinge zu verfüttern. Diese Warnungen sind nicht unberechtigt. Zum einen tritt eine Allergie selten alleine auf. Sollte auf Soja-Säuglingsmilch aufgrund von Kuhmilchallergien zurückgegriffen werden, so sollte man vorsichtig sein. Das Risiko ist relativ hoch, dass ebenfalls eine Sojaallergie besteht oder sich mit dem täglichen Sojaverzehr entwickelt.

Zum anderen haben manche Studien ergeben, dass Säuglinge Schäden durch Soja davontragen können. Cara Westmark von dem Department of Neurology der University of Wisconsin hat beispielsweise Informationen über 1949 autistische Kinder ausgewertet. Bei jenen Kindern, die als Säuglinge mit Soja-Säuglingsmilch gefüttert wurden (knapp ein Fünftel der Gesamtheit), traten Krampfanfälle zwei- bis viermal häufiger auf als bei Kindern, die anders gefüttert wurden [23].

Ein Anderer Effekt, der von Wissenschaftlern aus Israel festgestellt wurde, ist ein verändertes Brustwachstum bei Kleinkindern [24]. Jene Wissenschaftler haben die frühkindliche Brustentwicklung bei 694 Mädchen bis zu einem Alter von zwei Jahren beobachtet. Sie konnten feststellen, dass ein gewisses Wachstum bei allen Kindern vorhanden ist und nach etwa einem Jahr stagniert. Diese Stagnation wurde bei Kindern, die über mindestens drei Monate mit Soja-Säuglingsmilch gefüttert wurden, nicht beobachtet werden. Das Ergebnis könnte eine allgemein größere Brust im Erwachsenenalter sein, was möglicherweise ein Risiko für verschiedene Krankheiten der Brust darstellt.

 

Fazit:

Zusammenfassend kann man sagen:

  • Vollwertige Sojaprodukte können protektive Effekte aufweisen gegen Brust-, Prostata und Gebärmutterschleimhautkrebs, sowohl bei Erstausbrüchen der Krankheit als auch bei Rezidiven, solange sie nicht hormonassoziiert sind.
  • Sojaprodukte sowie isolierte Isoflavone als Nahrungsergänzung können bei hormonassoziierten Krebserkrankungen gefährlich werden.
  • Sojakonsum, der bereits im Kindes- und Jugendalter beginnt, kann vor diesen Krebserkrankungen präventiv schützen.
  • Soja kann bei etwa jeder vierten Frau bzw. jeder zweiten asiatischen Frau Hitzewallungen oder andere Wechseljahresbeschwerden reduzieren.
  • Soja senkt das „böse“ LDL-Cholesterin und den Blutdruck, sodass regelmäßiger Verzehr zu einer Verbesserung von Herz-Kreislauf-Beschwerden führen kann.
  • Möglicherweise kann ein hoher Sojakonsum die Gedächtnisleistung beeinträchtigen.
  • Solange Soja mäßig verzehrt wird (siehe unten), müssen sich Schilddrüsenpatienten keine Sorgen machen. Empfohlen wird dabei, dass sie zusätzlich auf eine ausreichende Jodversorgung achten.
  • Soja-Säuglingsmilch kann bei empfindliche Kindern einen unerwünschten Einfluss auf die Entwicklung haben.

 

Wie bei so gut wie allen Lebensmittel muss auch mit Soja ein gesundes Maß gefunden werden, sodass man von den Vorteilen, die die Pflanze zu bieten hat, profitieren kann, aber keine negativen Effekte befürchten muss. Eine Richtlinie liefert die Food and Drug Administration (FDA), demnach täglich ca. 25 Gramm Sojaeiweiß in Form von vollwertigen Sojalebensmitteln sicher seien [20]. Das entspricht z.B. 300 g Tofu oder 800 ml Sojadrink am Tag (oder 150 g Tofu plus 400 ml Sojadrink).

Fermentierte Sojalebensmittel sind vielleicht gesünder als Tofu, Sojawürstchen und Co. Nicht nur, weil Anti-Nährstoffe durch den Fermentationsprozess weitestgehend abgebaut werden und der Genistein- sowie Daidzeingehalt geringer ist, sondern weil diese Lebensmittel durch Fermentation andere wichtige Nährstoffe dazugewinnen, wie z.B. Vitamin K2. Auch liefern Fermente wichtige gute Mikroorganismen, die unseren Darm und unsere Abwehrkräfte stärken.

Lediglich mit Nahrungsergänzungsmitteln, wie Genisteinpräparaten oder anderen Sojaextrakten sollte man vorsichtig sein und keine gut gemeinten Krebstherapien (vielleicht sogar auf eigene Faust) mit Nahrungsergänzungsmitteln anfangen, wenn sie nicht von einem sehr gut informierten und erfahrenen Therapeuten verordnet werden. Auch sollte man nicht plötzlich übermäßig viel Sojaprodukte essen, wenn diese nie Bestandteil der Ernährung gewesen sind.

Was Säuglingsnahrung angeht, so würde ich von Soja-Säuglingsmilch eher abraten. Falls nicht mit Muttermilch gestillt werden kann und/oder Allergien bestehen, so ist stark hydrolisierte Säuglingsnahrung eine sichere Alternative.


Quellen:

[1] DEBInet – Deutsches Ernährungsberatungs- & -informationsnetz, Bioligische Wertigkeit (BW),

http://www.ernaehrung.de/lexikon/ernaehrung/b/Biologische-Wertigkeit.php

 

[2] F. F. Zhang et. al.: Dietary isoflavone intake and all-cause mortality in breast cancer survivors: The Breast Cancer Family Registry.

American Cancer Society (2017), doi: 10.1002/cncr.30615

 

[3] A. Hahn, A. Ströhle, M. Wolters: Ernährung – Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, 2. Auflage, S. 186 (2008)

 

[4] C. Leitzmann, C. Müller, P. Michel, U. Brehme, A. Hahn, H. Laube: Ernährung in Prävention und Therapie – Ein Lehrbuch

Hippokrates Verlag Stuttgart, 2. Auflage, S. 87 (2003)

 

[5] http://www.spektrum.de/news/erhoehen-tofu-oder-sojamilch-das-krebsrisiko/1314772

 

[6] Der kleine Souci, Fachmann, Kraut: Lebensmitteltabelle für die Praxis,

Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, Garching (Hrsg.), 4. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 239.

 

[7] J. Schmutz et al.: Genome sequence of the palaeopolyploid soybean,

Nature, Vo. 463, pp 178-183 (2010)

 

[8] A. Hahn, A. Ströhle, M. Wolters: Ernährung – Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, 2. Auflage, S. 62 (2008)

 

[9] C. Leitzmann, C. Müller, P. Michel, U. Brehme, A. Hahn, H. Laube: Ernährung in Prävention und Therapie – Ein Lehrbuch

Hippokrates Verlag Stuttgart, 2. Auflage, S. 24 (2003)

 

[10] Y. Okabe, Ts. Shimazu, H. Tanimoto: Higher bioavailability of isoflavones after a single ingestion of aglycone-rich fermented soybeans compared with glucoside-rich non-fermented soybeans in Japanese postmenopausal women,

Journal of the Science of Food and Agriculture, Vol 91, No. 4, pp. 658-663 (2011)

 

[11] L. Hilakivi-Clarke, J. E. Andrade, W. Helferich: Is Soy Consumption Good or Bad for the Breast?

The Journal of Nutrition, Vol. 140, No. 12, pp. 2326S-2334S (2010)

 

[12] Y. Ju: To Soy or Not to Soy: Effects of Soybeans on Breast Cancer, Menopause and Heart Disease

Virginia Cooperative Extension – Virginia Tech – Virginia State University, Publication HNFE-339P

 

[13] C. Stradling et al.: A Review of Dietary Influences on Cardiovascular Health; Part 1: The Role of Dietary Nutrients.

Cardiovascular and Hematological Disorders-Drug Targets 13:208-30 (2013)

 

[14] X.  X. Liu et al.: Effect of Soy Isoflavones on Blood Pressure: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials.

Nutrition, Metabolism and Cardiovascular Diseases, Vol. 22, pp. 463- 470 (2012)

 

[15] L. R. White et al.: Brain Aging and Midlife Tofu Consumption.

Journal of the American College of Nutrition Vol. 19, pp. 242-255 (2000)

 

[16] C. Guo, L. R. Wilkens, G. Maskarinec, S. Murphy: Examining Associations of Brain

Aging With Midlife Tofu Consumption.

Journal of the American College of Nutrition, Vol. 19, pp. 467-468 (2000)

 

[17] D. Kritz-Silverstein, D. Von Muhlen, E. Barrett-Connor, M. A. B. Bressel: Isoflavones and Cognitive Function in Older Women: The Soy and Postmenopausal Health in Aging (SOPHIA) Study.

Menopause, Vol. 10, pp. 196-202 (2003)

 

[18] E. E. Krebs, K. E. Ensrud, R. MacDonald, and T. J. Wilt: Phytoestrogens for Treatment of Menopausal Symptoms: A Systematic Review.

Obstetrics and Gynecology Vol. 104, No. 4, pp. 824-836 (2004)

 

[19] S. Basaria et al.: Effect of High-Dose Isoflavones on Cognition, Quality of Life, Androgens, and Lipoprotein in Post-Menopausal Women.

Journal of Endocrinological Investigation, Vol. 32, pp. 150-155 (2009)

 

[20] Food Labeling: Health Claims; Soy Protein and Coronary Heart Disease,

Washington, DC: US Food and Drug Administration; Federal Register, Vol. 64, No. 206 (1999)

 

[21] Y. Vandenplas, E. De Greef, T. Devreker, B. Hauser: Soy infant formula: is it that bad?

Acta Paediatrica – Nutruring The Child, Vol. 100, No. 2, pp. 162-166 (2011)

 

[22] J. Bhatia, F. Greer: Use of Soy Protein-Based Formulas in Infant Feeding

American Academy of Pediatrics, Vo. 121, No. 5, pp. 1062-1068 (2008)

 

[23] C. J. Westmark: Soy Infant Formula and Seizures in Children with Autism: A Retrospective Study.

PLoS ONE, Vol. 9, No. 3 (2014), https://doi.org/10.1371/journal.pone.0080488

[24] A. Zung, T. Glaser, Z. Kerem, Z. Zadik: Breast Development in the First 2 Years of Life: An Association With Soy-based Infant Formulas

Journal of Pediatric Gastroenterology & Nutrition, Vo. 46, No. 2, pp. 191-195 (2008)

 

[25] M. Messina, G. Redmond: Effects of Soy Protein and Soybean Isoflavones on Thyroid Function in Healthy Adults and Hypothyroid Patients: A Review oft the Relevant Literature

Thyroid, Vol. 16, No. 3, pp. 249-258 (2006)

 

[26] Th. Sathyapalan et. al: The Effect of Soy Phytoestrogen Supplementation on Thyroid Status and Cardiovascular Risk Markers in Patients with Subclinical Hypothyroidism: A Randomized, Double-Blind, Crossover Study

Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, V

 

 

 

Anna Major

Anna Major

Anna Major, geb. 25.11.1988, studierte an der Georg-August-Universität in Göttingen Physik und schloss dieses 2015 mit dem Master of Science ab. An der Carrots & Coffee Akademie erlang sie die Zertifikate Ganzheitliche Ernährungstrainerin (2015) sowie Ganzheitliche Ernährungstherapeutin (2016) unter der Leitung von Nadia Beyer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.